Berlin – seit Oktober 1990 nicht nur wieder Hauptstadt der wiedervereinigten Bundesrepublik Deutschland, sondern auch geschichtsträchtige und tolerante Weltstadt. In ihr spiegelt sich wie in keiner anderen deutschen Stadt die historisch einzigartige Geschichte unseres Landes wider.

Jeder von uns hat Bilder aus der (Nach-)Kriegszeit im Kopf oder den Mauerfall durch die bewegende Berichterstattung miterlebt bzw. (im Nachhinein) kennengelernt. Und auch von spektakulären sowie gescheiterten Fluchtversuchen hat man schon mal gehört.

Heute zeigt sich die Hauptstadt extrem facettenreich. Sie ist nicht nur geschichtsträchtig, sondern auch gigantisch groß, modern und vielfältig lebhaft. In jedem Berliner Kiez ändert sich das Stadtbild – von kriegsgezeichneten Kirchen bis urigen Lokalen, angesagten Szenecafés, Wolkenkratzern sowie Flaniermeilen und städtischer Natur ist alles vorhanden. Doch nicht nur die Oberfläche als sichtbarer Teil der schillernden Großstadt hat jede Menge zu bieten, auch der Berliner Untergrund gewährt spannende Einblicke in die wechselvolle Stadt- und Landesgeschichte.

Durch mündliche Erfahrungsberichte auf den Berliner Unterwelten e.V. aufmerksam geworden, recherchierten wir und vereinbarten schließlich als Geschichtsexkursion eine geführte Tour. Von den mittlerweile über fünfhundert Vereinsmitgliedern werden insbesondere jahrzehntelang vergessene Bunker- und Luftschutzanlagen, Tunnel und andere unterirdische Gänge erforscht, dokumentiert und für die Öffentlichkeit zugänglich gemacht.

 

 

Unsere gebuchte Tour F führte uns in den „Fichtebunker“ – einem Mutter-Kind-Bunker in der Fichtestraße im Stadtteil Kreuzberg, der in einem ehemaligen Gasometer errichtet wurde. Hier fanden in den Bombennächten des Zweiten Weltkrieges anfangs 6.500 berufstätige Frauen mit ihren Kindern über Nacht Schutz. Zum Ende hin bot er bis zu 30.000 Menschen einen sicheren Unterschlupf.

 

 

Enge, karge Beleuchtung, feuchte Kühle – spätestens bei diesen Zahlen und Empfindungen machte sich bei unserem Rundgang ein noch größeres beklemmendes Gefühl breit. Ein Mix aus detailgetreuen Ausstellungsstücken (u.a. Krankenstation und Altenheimzimmer), überlieferten Berichten von Zeitzeugen sowie digitalisierten Aufnahmen untermalen die sehr faktenreichen Erzählungen des engagierten und begeisterten Personals.

Insgesamt umrahmt die Führung die Geschichte des Fichtebunkers über einen Zeitraum von 130 Jahren: von den Ursprüngen als Gasometer für die Straßenbeleuchtung, über die Nutzung als „Mutter-Kind-Bunker“ bis hin zum Auffanglager, Altenheim und Obdachlosenunterkunft nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges. Ab den 1960er Jahren wurden hier Lebensmittelreserven für die Westberliner Bevölkerung gelagert. Neben der Öffnung als Museum, befinden sich heute in diesem denkmalgeschützten Bauwerk moderne Lofts im Dachgeschoss.

In der Hoffnung, dass wir in unserem Leben nicht gezwungen sein werden, Schutz in einem Bunker suchen zu müssen, verließen wir diesen Stahlbeton-Koloss wieder mit einem erleichterten Gefühl…